Verantwortung ist nicht delegierbar: MBA-Alumnus René Nagl über seinen Weg ins Unternehmertum

In unserer aktuellen Alumni Story sprechen wir mit René Nagl, MBA-Absolvent der Hochschule Burgenland. Er ist Gründer von FIVSEN, einem Unternehmen, das multisensorische Erlebnisse und High-End Design neu definiert. In seinem V-Studio in Graz entstehen High-End-Objekte, die Technologie, Design und multisensorische Elemente zu individuellen Erlebniswelten verbinden. FIVSEN verfolgt dabei einen ganzheitlichen Ansatz, der über klassische Raumgestaltung hinausgeht und neue Dimensionen von Atmosphäre, Differenzierung und Wohlbefinden schafft. Im Interview spricht René Nagl über seinen internationalen Karriereweg, die Entwicklung von der technischen Innovation hin zur unternehmerischen Vision sowie über die Rolle wissenschaftlicher Fundierung beim Aufbau seines Unternehmens.


Was hat Sie motiviert, Ihren Job im Top-Management eines Konzerns gegen Ihre Vision einzutauschen und Ihr eigenes Unternehmen zu gründen?

Mein Werdegang war eine stetige Evolution der Verantwortungsdichte. In meinen frühen Berufsjahren ging es für Marken wie Lamborghini und Audi um technische Perfektion im High-Performance-Segment. Durch meine Jahre in Deutschland, meine Expat-Zeit in China und globale Management-Rollen verschob sich mein Fokus von der Lösung technischer Probleme hin zur Gestaltung komplexer Systeme.

Ein entscheidender Katalysator war meine Zeit als Vorstandsassistent bei Dr. Herbert Demel bei Magna International: Wer Strategie auf dieser globalen Ebene lebt, versteht, dass langfristiger Erfolg das Ergebnis präziser Positionierung und klarer Governance ist. Ich stand schließlich vor der Entscheidung: Möchte ich ein bestehendes System innerhalb definierter Leitplanken optimieren oder die Leitplanken selbst setzen? Die Gründung von FIVSEN war dann die logische Konsequenz. Ich wollte ein Unternehmen bauen, das durch emotionale und multisensorische Differenzierung echten, strategischen Mehrwert schafft.

Mein Werdegang war eine stetige Evolution der Verantwortungsdichte.


Gab es einen konkreten Moment, in dem Sie wussten: Jetzt gibt es kein Zurück mehr?

Es war weniger ein einzelnes Ereignis als vielmehr eine über Jahre gereifte strategische Klarheit. Wir wiegen uns in Konzernen oft in einer Sicherheit, die faktisch eine Abhängigkeit von externen Faktoren und fremden Entscheidungszyklen ist. Unternehmerisches Risiko hingegen ist unmittelbar, aber es ist gestaltbar. In dem Moment, als ich begriff, dass ich meine Energie lieber in die Steuerung des eigenen Risikos investiere als in die Verwaltung fremder Strukturen, war die Entscheidung gefallen. Führung bedeutet, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen. Irgendwann geht die Analyse in Überzeugung über. Ab diesem Punkt wird die Entscheidung alternativlos.

Führung bedeutet, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen.

Sie haben Ihre Geschäftsidee im Rahmen Ihrer Masterarbeit untersucht. Warum war Ihnen die wissenschaftliche Fundierung wichtig?

Intuition ist im Unternehmertum wertvoll, aber als alleiniges Fundament gefährlich. FIVSEN ist das Ergebnis einer systematischen Markt- und Umfeldanalyse. Für mich war die Masterarbeit eine Form der „intellektuellen Due Diligence“: Ich wollte meine strategischen Annahmen empirisch validieren und das Geschäftsmodell einer harten Belastungsprobe unterziehen, bevor die volle operative Umsetzung erfolgte.

In einer Zeit des blinden Aktionismus sehe ich Tiefe als Wettbewerbsvorteil. Strategie vor Aktionismus, Richtung vor Geschwindigkeit und langfristiger Wert vor kurzfristigem Effekt – diese Prinzipien wurden durch die wissenschaftliche Arbeit zementiert. Sie half mir, Strukturen zu entwickeln, die nicht nur heute funktionieren, sondern langfristig tragfähig sind.

Intuition ist im Unternehmertum wertvoll, aber als alleiniges Fundament gefährlich. FIVSEN ist das Ergebnis einer systematischen Markt- und Umfeldanalyse.


Welche Kompetenzen aus dem MBA waren besonders wertvoll?

Der MBA hat meine operative Erfahrung aus der internationalen Automotive-Welt um eine entscheidende strategische Dimension erweitert. Besonders prägend waren für mich das systemische Denken und die Werkzeuge der evidenzbasierten Entscheidungsfindung.

Durch meine Jahre in China und globale Projekte habe ich gelernt, wie unterschiedlich Märkte und Kulturen funktionieren. Der MBA gab mir das theoretische Gerüst, um diese praktischen Erfahrungen strategisch zu strukturieren. Es geht heute im Leadership primär darum, Komplexität so zu reduzieren, dass klare Entscheidungsgrundlagen entstehen. Ziel ist dabei immer die nachhaltige Wertschöpfung – wirtschaftlich, organisatorisch und kulturell.

Was bleibt aus Ihrer Zeit im Fernstudium?

Eine radikale Schule der Selbstführung: Ein Unternehmen aufzubauen, für die Familie präsent zu sein und parallel ein Studium zu absolvieren, erfordert kompromisslose Disziplin und Priorisierung. Diese Phase hat meinen strategischen Fokus geschärft und meine Belastbarkeit nachhaltig erweitert. Es hat mir einmal mehr gezeigt, dass Substanz nicht durch Sprints entsteht, sondern durch die Fähigkeit, über Jahre hinweg eine hohe Schlagzahl beizubehalten. Langfristiger Erfolg ist kein Zufall, sondern das Nebenprodukt von Ausdauer und konsequenter Umsetzung.

Wachstum findet grundsätzlich außerhalb der Komfortzone statt. Und nachhaltiger Erfolg entsteht durch Übernahme von Verantwortung.

Wie unterscheidet sich Ihre Rolle als Gründer von Ihrer früheren Führungsverantwortung?

Im Konzern führt man innerhalb bestehender Ressourcen und Governance-Strukturen. Man ist, bildlich gesprochen, der Pilot eines Jumbo-Jets in einem kontrollierten Luftraum. Als Gründer hingegen bauen Sie das Flugzeug, während Sie bereits auf der Startbahn beschleunigen. Und Sie sind gleichzeitig für die Finanzierung und Beschaffung des Kerosins verantwortlich. Die Verantwortungsdichte ist signifikant höher, die Entscheidungszyklen sind kürzer und die Konsequenzen unmittelbarer. Ich sehe darin jedoch keinen Bruch zu meiner Zeit im Management, sondern eine Verdichtung unternehmerischer Verantwortung. Unternehmertum ist die konsequente Weiterentwicklung von Leadership, mit dem Unterschied, dass man die volle Systemverantwortung trägt.

Unternehmertum ist die konsequente Weiterentwicklung von Leadership, mit dem Unterschied, dass man die volle Systemverantwortung trägt.

Ihr persönliches Credo?

Verantwortung ist nicht delegierbar. Vermeintliche Sicherheit entsteht nicht durch starre Strukturen, sondern durch mutige und kluge Entscheidungen. Wenn eine Vision dauerhaft tragfähig sein soll, muss sie mit Konsequenz in Handlung überführt werden. Wachstum findet grundsätzlich außerhalb der Komfortzone statt. Und nachhaltiger Erfolg entsteht durch Übernahme von Verantwortung. Und eines ist für mich klar: There are no shortcuts. Es gibt keine Abkürzungen zu wahrer Exzellenz.


Fotocredits: FIVSEN GmbH


Teilen Sie diesen Beitrag und inspirieren Sie Ihr Netzwerk:

Teilen auf LinkedIn

Teilen auf Facebook